Peter Michalzik: Die Liebe in Gedanken (23. November 2019, WDR3, Gutenbergs Welt)

Dreiecksgeschichten sind kompliziert. Peter Michalzik erzählt in „Die Liebe in Gedanken“ eine sehr eigenartige Dreiecksgeschichte. Sie beruht auf Briefen, die der 1875 geborene Rainer Maria Rilke, der 1890 geborene Boris Pasternak und die 1892 geborene Marina Zwetajewa gewechselt haben.
Die erdachte und in Worte gefasste Liebe zum jeweils anderen als einer Verkörperung des Fremden, die Liebe zu den jeweils fremden Ländern Deutschland bzw. Rußland und ihren Zeit-Bildern, die Liebe zur Poesie, zu Wort, Imagination und Traum, hat einen worttrunkenen Briefwechsel gezeitigt. Meine Rezension von Peter Michalziks Biographie dieses Dreiecks gibt es in „Gutenbergs Welt“ zu hören, nach der Ausstrahlung ist sie abrufbar über diesen Link.

„Die Freischwimmerin“. Über zwei Bände von Monika Rinck (25. April 2019, Der FREITAG)

Ja, ich gebe es zu, es besteht ein Zusammenhang zwischen meiner Begeisterung für das Schwimm-Kapitel in Monika Rincks Münsteraner Poetikvorlesung und meiner eigenen Schwimmsucht. Nichtsdestotrotz gehören Rincks Gedichte, Essays, Lieder zu den mir liebsten Lektüren der jüngeren Zeit. Und so habe ich meiner Begeisterung über den Sammelband „Champagner für die Pferde“ und den neuen Gedichtband „Alle Türen“ in einem Artikel im FREITAG auch alle Türen geöffnet. Lust und Freude sind ja auch im Kritikerinnenalltag nicht so selbstverständlich, wenn es also mal der Fall ist, dann Champagner! Galopp! Ab ins Wasser!

Verleihung des Peter-Huchel-Preises (3. April 2019, Staufen i. Br.)

Im Januar hat sich die Jury in Freiburg beraten. Am Ende traf die Wahl zum diesjährigen Peter-Huchel-Preisträger den 1977 in Dresden geborenen, heute in Zürich lebenden Thilo Krause, der für seinen Gedichtband „Was wir reden, wenn es gewittert“ ausgezeichnet wurde.
Hier kann man die Preisverleihung, die traditionell in Staufen, dem letzten Wohnort Peter Huchels stattfindet, nachhören. Sie ist vom SWR aufgezeichnet worden, zu hören ist eine Lesung Thilo Krauses, meine Laudatio, und Krauses Dankrede. Hier ein kurzer Bericht des SWR zur Feier.

„Das Universum in uns.“ Zum Tod von Paulus Böhmer (8. Dezember 2018, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Nachricht von Paulus Böhmers Tod kommt so überraschend, wie jede Todesnachricht eines Menschen, den man zuerst als Urheber eines Werks kennen gelernt hat. Es ist dann immer ein merkwürdiger Moment, wenn man die Person hinter dem Werk quasi noch einmal wie zum ersten Mal „sieht“, eben als sterblich.

Als ich 2007 Hospitantin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, lernte ich zuerst seine Gedichtbände „Kaddish I bis X“ und „Fuchsleuchten“ kennen und war überrascht von dem Ton dieser Gedichte. So etwas kannte ich aus der deutschsprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts nicht, so etwas kenne ich bis heute nur aus seinen Werken.
Ich war regelrecht schockiert von der Drastik der Bilder, dem tosenden Wechsel zwischen dem großen Ganzen und dem winzig Kleinen. Habe ich damals schon den Abgesang auf seinen Kater Schmulik gelesen, der dem sprechenden Ich in diesem Gedicht unter den Händen wegstirbt? Ich weiß es nicht. Bis heute bin ich berückt davon, immer wieder auch affiziert von dem Vulgären, Pathetischen, dem Orgiatischen dieses Werks. Die F.A.Z. vom 8. Dezember druckt meinen kurzen Nachruf.

Den Menschen Paulus Böhmer habe ich dann bei einer Lesung in Frankfurt zum ersten Mal erlebt. Sein mächtiger Kopf, sein großer Körper, das alles passte gut zu dem, was ich gelesen hatte. Mit ihm gesprochen habe ich ich tatsächlich nie. Abstand zu halten, das kam mir richtig vor.

Ich bereue  sehr, dass ich nicht zur seiner letzten Lesung in der Frankfurter Romanfabrik gegangen bin, obwohl ich es vorgehabt hatte. Und ich bin froh, ihn 2015 bei den Frankfurter Lyriktagen noch einmal gehört zu haben.

Auch in  Erinnerung an diese Lesung 2015 habe ich 2016 in einer kleinen Serie mit Überblicksartikeln zur deutschprachigen Gegenwartslyrik über die „Kaddish-Gedichte“ geschrieben:

„Böhmers Bände mit ihren auf Mittelachse gesetzten Langgedichten arbeiten an einem sprachlichen Panoptikum des 20. Jahrhunderts . Sie sind gleichermaßen dem Höchsten und dem Niedrigsten verpflichtet, schwanken zwischen Gott und Gosse, zwischen Hohem Ton und Umgangssprache. Siezitieren aus dem klassischen Kanon und aus der Popmusik, ergehen sich in regelrechten Sprachorgien. Wer in die Welt dieses lyrischen Sprechens eintaucht, hat die Möglichkeit, sich zu verlieren im ekstatischen Rhythmus eines Sprachuniversums, das im Titel der Bände, der den jüdischen Ritus des Totengedenkens zitiert, auch in gewisser Weise Stellung bezieht zu der Frage der Möglichkeit lyrischen Sprechens nach Auschwitz.  […] Wer etwas darüber erfahren will, wie Dichtung im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert noch einmal versucht, die zersplitterte und kontingente Welt in einen im Grunde einzigen, fortlaufenden und durchaus auch eingängigen Text zu bringen, sollte die Gedichte von Paulus Böhmer lesen oder den fast 80-Jährigen lesen hören. Die Stimme des Sprechers wird zum Gefäß, durch das alles Physische und Metaphysische zu fließen und strömen scheint.“