Willkommen auf meiner Seite!

Nach Stationen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei der Berliner Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, dem Neuen Tag in Weiden und der Zeitschriftenredaktion von Schott Music in Mainz, rezensiere ich für Print (Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Freitag, Frankfurter Hefte, mare, Rheinpfalz), für ZEIT online, das Signaturen-Magazin und für den Hörfunk (DLF, SWR, WDR) und schreibe regelmäßig Features für den SWR.

2025 wurde ich mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.
Nachlesen kann man die Laudatio von Katrin Schuster, Referentin der Direktion der Münchner Stadtbibliothek, hier, meine Dankesrede hier.

Beratend und moderierend gehöre ich seit 2023 zum Team des Poet:innenfests Erlangen.

Seit 2019 bin ich Redakteurin des Kulturteils der Frankfurter Hefte.

Regelmäßig moderiere ich im Hessischen Literaturforum, Frankfurt am Main, in den Literaturhäusern Frankfurt, Freiburg, Stuttgart und Wiesbaden und im Haus für Poesie, Berlin.

Ich gehörte bzw. gehöre folgenden Jurys an:

für den „Wortmeldungen“-Preis für kritische Kurzprosa der Crespo-Foundation (ab 2026),
für den Open Mike 2025 (Vorjury),
für die Vergabe der Aufenthaltsstipendien im Bereich Literatur für das Künstlerhaus Edenkoben (seit 2025),
für den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt (Lektorat/Vorjury, seit 2024),
für den Bettina-Brentano-Lyrikpreis (seit 2024),
für den Horst-Bienek-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (seit 2024),
für die Villa-Aurora-Stipendien für Literatur, Los Angeles (seit 2024),
für die SWR-Bestenliste (seit 2019),
für den Orphil-Preis der Stadt Wiesbaden (2018-2024),
für den Peter-Huchel-Preis des SWR und des Landes Baden-Württemberg (2019-2022),
für das „Buch des Monats“ Darmstadt (seit 2020),
für den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau (seit 2018),
für den 2019 vergebenen Gertrud-Kolmar-Preis,
sowie in den Jahren 2018 und 2020 bis 2022 für den GWK-Förderpreis Literatur.

Außerdem bin ich Gründungsmitglied des Vereins zaesur. Poesiekritik e.V.

An der Justus-Liebig-Universität Gießen, am DLL, dem mediacampus, Frankfurt am Main und in der Berliner Akademie für Lyrikkritik hatte bzw. habe ich Lehraufträge für Literaturkritik und zur Gegenwartsliteratur mit einem Schwerpunkt auf der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.

Studiert habe ich in Germanistik, Anglistik und Theater- und Filmwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Freien Universität Berlin.
Dort habe ich im Juni 2000 mein Studium mit einer Arbeit über Paul Celans Büchner-Preis-Rede „Der Meridian“ abgeschlossen.

Nachrichten und Anfragen sind willkommen.

Peter Waterhouse: Z Ypsilon X (Deutschlandfunk Büchermarkt, 31. August 2025)

Auf der Suche nach einer zarteren Sprache

19 Jahre nach dem monumentalen Buch „(Krieg und Welt)“ erscheint mit „Z Ypsilon X“ erneut ein immens weit ausgreifendes, zugleich feinst gesponnenes dreibändiges Buch des Schriftstellers und Übersetzers Peter Waterhouse, das entlang der Biographie der Großeltern Fragen nach dem Verhältnis von Macht, Gewalt und Sprache, nach den Möglichkeiten und Grenzen der Sprache aufwirft und durchdenkt. „Z Ypsilon X“ ist ein Buch, das sich mit den Verheerungen zweier Weltkriege auseinandersetzt und das bis in unsere Gegenwart reicht. Es erscheint in drei Teilbänden und birgt in sich viele Bücher, mit denen es in ein Gespräch tritt. In diesem groß angelegten Text macht sich ein Erzähler auf die Suche nach den verborgenen Seiten seiner Familiengeschichte. Er tut es anhand etlicher Biografien ihrer Mitglieder: der seines Großvaters, seiner Großmutter und im dritten Band anhand des Halbbruders seiner Mutter.

Der Erzähler nähert sich seinen Figuren oft so sehr, dass er in ihnen aufzugehen scheint. Er lenkt den Gang des Textes, aber immer wieder sprechen auch der Großvater oder die Großmutter. Der Erzähler nähert sich auch Figuren aus Romanen und den Autoren anderer Werke, auch ihnen kommt hin und wieder die Erzählerrolle zu. Eine der Lebensgeschichten, die einen vieler möglicher Wege durch das Textgebirge von „Z Ypsilon X“ bahnen kann, ist die Geschichte von Edgar Alker. Geboren 1898, gestorben im Januar 1944 als Soldat im Zweiten Weltkrieg, wird er an der welcher Nation? Militärakademie ausgebildet. Alker kämpft als junger Mann im Ersten Weltkrieg, wird verwundet, überlebt den Krieg. 1919 verliebt er sich in die polyglotte und feinsinnige Stummfilmpianistin Marketá Lukasová, genannt Grete, geboren im mährisch-schlesischen Troppau, einer Stadt, die nach dem Ersten Weltkrieg an die Tschechoslowakei fiel.

Das Paar, das zwei Kinder bekommt, liest viel und einträchtig. Edgar Alker träumt davon, selbst Dichter zu werden. Doch das ist ihm nicht möglich: 1 „Die Wörter sind Tote. Die Toten. Ich kann die Toten nicht wiederholen und wieder töten. Die Wörter sind gebraucht, verbraucht. Ich kann nicht beginnen. Ich fang an und kann nicht beginnen. Ich kann die Wörter nicht sprechen; kann sie nicht lebendig machen. Was ist zu tun? Ich lese Gedichte. Ich will Dichter sein.“ Reichsschriftleiter statt Dichter Stattdessen wird Alker, der hier die Rolle des Erzählers innehat, im März 1938 zum Schergen der Nationalsozialisten im Amt des Hauptschriftleiters.

Was ist es, das ihn hindert und hemmt, seine Sprache lebendig zu erfahren, obwohl er sie doch schreibend gebraucht? Hat er nicht 1927, nach der Geburt der zweiten Tochter in Graz, den Artikel Lebensbilder aus dem Gebärhaus über die Not alleinstehender Frauen auf der Gebärstation in der sozialdemokratischen Monatsschrift „Die Frau“ verfasst? Hat er nicht 1928 einen Vortrag über Karl Kraus in der Kammer für Arbeiter und Angestellte gehalten? Was stimmt nicht mit seiner Sprache? Was bringt diesen aufmerksamen Menschen dazu, Reichsschriftleiter zu werden, ideologiekonforme Artikel für das „Kleine Blatt“ zu verfassen, die populäre Volkszeitung des Vorwärts-Verlags, die ab 1934 unter der Regierung durch Engelbert Dollfuß und Kurt von Schuschnigg zum nationalsozialistischen Parteiblatt umgebaut wird? Wieso bleibt er in diesem Amt, so lange bis er eingezogen wird und an der Front stirbt, wovon ein Brief des Oberst Sieber an seine Frau kündet?

„Ich habe die harte Pflicht, Ihnen, hochverehrte gnädige Frau, den Heldentod Ihres Gatten, Herrn Hptm. Alker mitzuteilen. Er ist am 10.1.44 beim Sturm auf Latanzy, ca 15 km südostw. Winniza seinen Männern vorausstürmend gefallen.“

Alkers Enkel stellt sich den biographischen Brüchen des Großvaters mit Behutsamkeit. In einer recherchierenden Annäherung hinterfragt er permanent seine Beobachtungen, Funde und Entdeckungen, untersucht sie auf ihre Widersprüche hin. Sie zeigen sich beispielsweise beim Blick auf die Geschwisterreihe seiner Mutter, der jüngeren Tochter von Edgar und Grete Alker. Denn Edgar Alker war Vater eines dritten, unehelichen Kindes, von dem seine Frau wusste, für das er Unterhaltszahlungen leistete.

„Sie hatten einen Bruder. Sie hatten keinen Bruder. Sie waren drei Geschwister. Sie waren zwei Geschwister.“

Wer „Z Ypsilon X“ liest, wird immer wieder mit solchen nur auf den ersten Blick paradoxen Aussagen konfrontiert. Der Versuch des Erzählers, eine Sprache zu finden, die familiären Wort- und Sprachlosigkeiten, die Tabus und das unbewusst Weitergetragene in ihrer Widersprüchlichkeit fassbar zu machen, ist prägend, und seine Recherche zeigt, dass, wer in der Geschichte nach Ursachen von Gewalt und Geheimnissen sucht, auf Zufallsfunde und Interpretation angewiesen bleibt und Ambivalenzen aushalten muss, wenn es um die Frage nach der Wahrheit geht. Sein Weg des Sich-Annäherns an die Geschichten der Toten und an ein anderes Verstehen führt über die Literatur: Denn die Großeltern waren leidenschaftliche Leser. Was von ihrer Bibliothek übriggeblieben ist, wurde bis zum Tod der Großmutter verwahrt:

„Waren die Bücher das Erbe? Sie zählte sie im Testament nicht auf und die zwei Erbinnen wollten sie nicht haben. Die ältere der beiden Töchter ließ die Bücher im Regal stehen und ließ das Regal stehen; die jüngere Tochter nahm in der leeren, schon hallenden Wohnung die Bücher aus dem Regal, packte sie in zwei Reisetaschen und nahm sie mit und nahm in der Trauer sich nicht Zeit für die Bücher, die ja vielleicht nicht Bücher der Mutter waren, sondern Bücher des Vaters.“

In diese Bücher und die darin verzeichneten Widmungen und Anstreichungen, bis in die feinsten kleinsten Zeichen hinein, vertieft sich der Erzähler. Das literarische Archiv der Großeltern ist ein literarisches Archiv der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zugleich eines beider Weltkriege. Es ist eines, in dem den Archivalien, zum Beispiel einem Lesezeichen, ein Eigenleben zugesprochen wird:

„Ein Jahrhundert lang hatte niemand das Zeichen verschoben. Ich nahm es in die Hand. Zwei hellbraune Schatten waren dort, wo es so lange lag, ein schmaler Schatten oder Braunton auf der linken Buchseite, einer auf der rechten Buchseite. Das Lesezeichen warf langsam und lang Schatten auf das Papier. Es wollte zurück in das Buch.“

Im Regal stehen Bücher von Lew Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Georg Trakl, Friedrich Hölderlin und Karl Kraus. In ihnen macht der Erzähler denkwürdige Funde. Er denkt sich so sehr in diese Bücher hinein, als wären die Figuren lebende Menschen. In den Schriften Simone Weils, in den Gedichten Georg Trakls, Friedrich Hölderlins sieht der Erzähler Fragen aufgeworfen, die auch er sich stellt. Und er macht in den Sprachebenen dieser Werke, in dem Umgang mit den kleinsten Zeichen der Sprache eindrucksvolle Entdeckungen über das, was man den ideologischen Gehalt dieser Werke nennen könnte. Die Bücher der Großeltern und die eigenen Lektüren sind in „Z Ypsilon X“ mehr als literarische Referenzen. Sie sind Spiegel der Menschen. Ihre Buchstaben, Worte und Zeichen werden so intensiv studiert und betrachtet, dass sie sich in lebendige Sprache verwandeln. Oft wirken sie lebendiger als die Toten. Sie zeigen Parallelen zur Familiengeschichte. In einem Buch des österreichischen Schriftstellers Peter Altenberg findet er eine Widmung des Großvaters an seine Frau, geschrieben, als sie zum zweiten Mal schwanger wird:

„In der dritten Zeile der drei Zeilen langen Widmung stand: Zum Geist des ungeborenen ,P. A.‘. Wusste er, der über den Geist eines Ungeborenen schrieb, was er schrieb? (War er selbst ungeboren? War er gestorben? Noch tot?) Wusste der Leser, der ein Jahrhundert später den Geist eines Ungeborenen sah, was geschrieben stand?“

Der Enkel als Stellvertreter Der Erzähler und Enkel mutmaßt, dass mit der festgestellten Schwangerschaft ein Wunsch aufflammt: Das noch ungeborene Kind soll an Edgar Alkers Stelle zu einem Dichter werden, dessen Ansehen dem des von ihm verehrten Altenberg gleichkäme. Doch es wird in seiner legitimen Ehe kein männlicher Nachkomme geboren, das zweite Kind ist eine Tochter. Sie wird später, ebenso wie ihre ältere Schwester, ihr Kind Peter nennen – ganz so, als wüsste sie von dem Wunsch des Vaters.

Der kleinere Peter, wie die Familie ihn nennt, der transgenerational tatsächlich Dichter geworden ist, ohne den Wunsch des Großvaters bewusst gekannt zu haben, kann auch die Antwort auf die Frage finden: Warum war dem Großvater das Dichten nicht möglich? Seine Interpretation der Anstreichungen des Großvaters in den Schriften von Karl Kraus, insbesondere in dem epochalen, in Gänze unspielbaren Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ und „Bei den Tschechen und bei den Deutschen“, aus dem völlig zerlesenen Exemplar der Essay- und Glossensammlung „Die Sprache“, bringt ihn auf die Spur zu dieser Antwort: Das Lesen und Nachdenken über Karl Kraus’ Texte hat Edgar Alker ein Danaergeschenk beschert: die Einsicht, dass es ihm nicht gelingen kann, eine bestimmte Art von Sätzen zu schreiben, wie Karl Kraus sie anstrebt und hervorbringt, und die Einsicht, dass es seiner Sprache an Offenheit, Einfühlungsvermögen, Fähigkeit zur Stille mangelt, an der Bereitschaft:

„Daß dem, der im Wort denkt wie ein anderer in der Farbe und wieder ein anderer im Ton, es nicht nur die Welt aufmacht, sondern sie auch wechseln läßt, wenn jenes da steht oder dort; daß nicht immer nur eine Mehlspeise, sondern manchmal auch ein Gedicht ein solches sein kann, ja sogar eine Prosazeile, und daß weit hinter dem Begreifen des Sinns eine Letter ein Gedanke sein könnte: solcherlei geht dem Leser so wenig ein, daß er vor dem klarsten Abbild jenes Erlebnisses, in dem nur die Verbindung von Sprachlichem und Stofflichem ein Rätsel bleibt, strauchelt und den Satz, der alles was in ihm enthalten ist sich selbst verdankt und sich darum von selbst versteht, mißversteht.“

Der Erzähler begreift auch, dass der Großvater schmerzlich, aber eben sehr bewusst eingesehen hat, dass Dichten bedeutet, mit einer Sprache umzugehen, die aus sich selbst schöpft und sich selbst genügt. Er begreift, dass sein Großvater eben keine wegbereitenden nationalsozialistischen Schriften las. Stattdessen kapituliert der Großvater, der schon als Junge Soldat wurde, als erwachsener Mann und passionierter Leser ausgewiesen demokratischer, emanzipatorischer, sprach- und gesellschaftskritischer Bücher davor, weiter nach einer derart sich selbst genügenden, aus sich schöpfenden und erleidenden Sprache zu suchen, wie sie Karl Kraus zur Verfügung hatte.

„Der Roman stellte den Roman dar. […] Anstatt der Kunst dankbar zu sein, daß sie einen den Gegenstand verkennen lehrt. Da war der Schriftsteller wehrlos. Da war er wehrlos vor dem Satz. Wehrlos vor dem Aufsatz ,Bei den Tschechen und bei den Deutschen‘. Da sah er in dem 1937 erschienenen Buch den wehrlosen Schriftsteller. Da war das Schreiben wehrlos und ohne Hemmung. Da war die Wehrlosigkeit nahe der Wahrheit. Da war das Wehren unwahr. Da wurde er Mitglied der Deutschen Wehrmacht.“

Edgar Alker kapituliert, indem er sich, so paradox es klingen mag, einer wehrhaften Sprache ergibt, sie als ideologische Waffe einsetzt. Die Versehrung, die er als junger Mensch im Ersten Weltkrieg erfahren hat, hat seine Sprache mitgetroffen, sie trifft zu tief, wirkt zu giftig. Der Enkel erkennt:

„Ich glaube, ihr habt getötet und ihr habt nicht sterben lernen können. Wenn man tötet, kann man nicht sterben lernen. Wo man tötet, kann man nicht sterben lernen.“

Sterben zu lernen, das hieße im Sinne einer zarteren Sprache, die „Z Ypsilon X“ sucht, wehrlos zu werden, sich der Schwäche anzuvertrauen, der Stille. Es hieße, sich auch den Zwischenräumen zwischen den Worten zu widmen. Mit diesen Überlegungen und Einsichten des Erzählers, der in „Z Ypsilon X“ immer wieder zum Sprachrohr der Großvaters Edgar Alker wird, kann einem Klaus Theweleits 1977/78 erschienene Untersuchung „Männerphantasien“ in den Sinn kommen. Die Studie über die sexuelle, psychologische und soziopolitische Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik legt dar, dass der Faschismus nicht ein Konglomerat von Ideen ist, sondern dass der Typus von Leuten, die den Faschismus ermöglichen, diejenigen mit angsterfüllten Körperzuständen sind.

Wo Theweleit in seiner Auseinandersetzung mit Textdokumenten von Soldaten den Kern des Faschistischen in der Angst vor Körperauflösung ausmacht, könnte man mit „Z Ypsilon X“ eine weitere Keimzelle des Faschistischen in der Angst vor der Stille ausmachen, vor dem Leisen, der Pause, vor einer schwachen, offenen und poetischen Sprache. Und, wie der Erzähler erkennt, im Nichtertragen der Erinnerung an den Krieg:

„Die Erinnerung ertrug anders, trug anders. Sie arbeitete anders. Sie arbeitete untätiger. Sie ertrug eigentlich nicht. Die Erinnerung war eine schwache Persönlichkeit. Die Soldaten, zurückgekommen nach Hause, konnten keine schwachen Persönlichkeiten werden? Sie bewaffneten sich? Sie gingen zu den Freikorps und Wehren und trugen wieder Uniform? Sie trugen und trugen. Der Krieg hörte nicht auf.“

Das obsessive Projekt, das Peter Waterhouse mit „Z Ypsilon X“ zur Sprache bringt, leuchtet von diesem Punkt an umso deutlicher ein. Waterhouse, der schreibend mit dem Wort zu schaffen haben möchte, der die Sprache er- und durchlebt, macht sie selbst zur wichtigsten Protagonistin von „Z Ypsilon X“. Eine „wunderbare Wahrnehmungsgeduld“ attestierte ihm Ilma Rakusa im Jahr 2007 in ihrer Laudatio zum Erich-Fried-Preis. Diese Wahrnehmungsgeduld fordert „Z Ypsilon X“ auch von den Lesern, belohnt sie aber reich mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Das monumentale Buch von Peter Waterhouse ist der gelungene Versuch, sprechend und denkend offen zu bleiben, jedes Sprechen als eine Form des Übersetzens zu begreifen. Es ist der gelingende Versuch, im Sprechen bewusst zu halten, dass mit jedem Übersetzen, mit jedem Versuch, etwas in Worte zu fassen, das, was jenseits der Worte und Zeichen in der Sprache wirkt, das Singende, Poetische gefährdet ist.

Der Erzähler formuliert in „Z Ypsilon X“ häufig Sätze, die Aussagen sein könnten, als Frage. Er sucht nach einer Form des Sprechens, die der erleidenden Sprache von Karl Kraus nahekäme, dem

„alles sich selbst verdankenden Satz. Alles in Karl Kraus’ Schriften war buchstäblich. Alles war buchstabiert, weil die Buchstaben und Zwischenräume und Zeichen dachten. Ich hatte Zeit und große Geduld.“

Diese große Geduld prägt „Z Ypsilon X“. Der Erzähler hat sie, so kann man vermuten, auch von der Großmutter. Anhand ihrer Geschichte wäre ein weiterer Gang durch „Z Ypsilon X“ möglich: Marketá Lukosová, die Stummfilmpianistin, die sich nach der Nachricht vom Tod ihres Mannes Edgar tagelang einschließt, war der leisen Töne fähig. Sie war Dichterin, ohne zu dichten, und hat ihres Mannes Unfähigkeit zu dichten wissend ertragen. Auch anhand der Geschichte von Rainer Büren, dem unehelichen Sohn Edgar Alkers, die im dritten der drei Bände zur Sprache kommt, ließe sich mit einem anderen Fokus über „Z Ypsilon X“ sprechen.

Büren, der in den 1980er Jahren die Bundesregierung und den UNOGeneralsekretär in Nahostfragen beriet, erscheint, ganz wie der erzählende Enkel, als jemand, in dem sich der Wunsch des Großvaters, Dichter zu werden, auf Umwegen realisiert hat. Vom Ende von „Z Ypsilon X“ her wäre nun nachzudenken über die vielen Interpretationsmöglichkeiten dieses Titels, der das Ende an den Anfang stellt, der auffordert, die Richtung zu ändern, der, wie es im Buch heißt, englisch ausgesprochen den Modus des Fragens als integralen Bestandteil des Alphabets begreift: „Ex why Zed?“

Der Titel verweist auf das Ende jeglichen Sprechens, das dennoch immer wieder unternommen werden muss, wenn man verstehen will. „Z Ypsilon X“ ist ein epochales Buch, weil es die Unendlichkeit der Sprache jenseits ihrer Zeichenhaftigkeit verkörpert, weil es nicht nur den Ursprüngen von Gewalt insbesondere in der Sprache auf die Spur kommen will, sondern weil es nach einer Sprache sucht, die sich gegen wehrhaftes Sprechen stellt. In der friedfertigen Schärfe seines Denkens und Sprechens ist es ein bedeutendes Antikriegsbuch – und schon allein deshalb von höchster Aktualität.

Nachzuhören ist die Besprechung hier.

„Euch, den Schönen, gilt mein Sinnen unveränderlich.“ Ein Abend zur Rezeption der Dichtung Sapphos (6. Februar 2024, Haus für Poesie, Berlin)

Obwohl Sapphos Werk nurmehr fragmentarisch vorliegt und es keine gesicherten Informationen zu ihrer Biografie gibt, ist die literarische und soziologische Rezeptionsgeschichte enorm. Was zumeist angenommen wird: Im 7. Jahrhundert vor unserer Zeit soll Sappho auf der griechischen Insel Lesbos gelebt haben als Lehrerin oder Leiterin eines Chors oder Kults junger Frauen, mit denen sie erotische Beziehungen gehabt haben soll. Die Literaturwissenschaftlerin Laura Untner stellte für ihre Anthologie literarischer Sappho-Rezeptionen im deutschsprachigen Raum, erschienen 2023 bei Königshausen & Neumann, einen „Ausschnitt aus der Rezeptionsgeschichte einer Ikone der Weltliteratur“ zusammen. Gespräch mit Laura Untner, Ariane von Graffenried und Odile Kennel.

Die Sehnsucht des Schriftstellers nach der Stille. Peter Härtling in Gedichten und einer Biographie (8. Januar 2024, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Sehnsucht des Schriftstellers nach der Stille

Bloß nicht den Wörtern auf den Leim gehen: Eine Biographie von Klaus Siblewski und ein Sammelband seiner Gedichte erinnern an Peter Härtling.

Im Jahr 2005 erschien Peter Härtlings Gedichtband „Schattenwürfe“. Ein titelloses Gedicht des Bandes beginnt so: „Die Abstände zu den Redenden nehmen zu. Ich schleppe / die Stille mit. Sie treibt zurück, was laut wird. / Der Schmerz, den ich verabscheue, hüpft mir um einen Herzschlag voraus.“ Stille und Schmerz sind in diesen Versen bestimmend. Ihr Autor, der 1933 in Chemnitz geborene Peter Härtling, konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens der „Schattenwürfe“ auf ein umfangreiches Werk und beträchtlichen Ruhm schauen. Sein Leben als Redakteur, Lektor und Autor von Romanen, Kinderbüchern, Gedichten, das, wenn auch geprägt von Aufbrüchen, freiwilligen wie erzwungenen, Umbrüchen vor allem beruflicher Art, stellt sich heute in vielfacher Hinsicht für Außenstehende als gelungenes dar, seine Produktivität geradezu wundersam, und nur wenige, die sein Werk oder gar den Autor kannten, würden bei seinem Namen zuerst an Stille und Schmerz denken.

Eine Biographie von Klaus Siblewski, Peter Härtlings Lektor seit 1980, die nun unter dem Titel „Unterwegs sind wir alle“ vorliegt, zeigt auch die Schattenseiten, erzählt auch Stille und Schmerz. Dem manischen Schaffen Härtlings verpflichtet, orientiert sie sich nicht in erster Linie entlang der Chronologie seines Lebens, sondern ist stattdessen als „Biografie seines Schreibens, genauer gefasst: des Romanciers Peter Härtling“, angelegt.

Die Entscheidung ist stimmig in mehrfacher Weise. Schreiben war das Zentrum, um das herum Härtlings Leben gleichsam in Ringen wuchs. Schon im Alter von vierzehn Jahren stand für das Kriegs- und Flüchtlingskind fest, Schriftsteller werden zu wollen. Diesen Plan verfolgte Härtling, wenngleich es ihm, der beide Eltern früh, die Mutter im Jahr 1946 tragisch durch einen Suizid, verloren hatte, zu Beginn nicht leichtfiel. Zunächst versuchte er sich als Prosaautor, wechselte dann zur Lyrik. Einigen Anteil daran hatte, so Siblewski, Härtlings Mentor, der Maler und Bildhauer Fritz Ruoff in Nürtingen, jenem Ort, an dem sich Härtlings Familie nach der Flucht aus dem nordmährischen Olmütz und einer Zwischenstation im österreichischen Zwettl niedergelassen hatte. Ruoff, dem Härtling zunächst seine Prosa zur Lektüre anvertraut hatte, kommentierte dessen Texte nicht, oder indirekt: Er schwieg.

Dies beherzigend, dazu tief beeindruckt von Rilke-Lektüren, Gedichten von Jakob Haringer und den Liedtexten von Jacques Prévert, begann Härtling daraufhin mit dem Schreiben von Gedichten. 1953 debütierte er mit „poeme und songs“. Der gerade einmal Zwanzigjährige löste damit einige Resonanz aus, wie auch der 1955 erschienene Gedichtband „Yamins Stationen“, benannt nach einer vom Autor erdachten Kunstfigur. Doch der Wunsch, Prosa zu schreiben, ließ ihn nicht los. Mit „Im Schein des Kometen. Die Geschichte einer Opposition“ debütierte Härtling 1959 gegen einigen Widerstand seiner neuen Verlegerin Hildegard Grosche, die im Frühsommer des Jahres den Goverts-Verlag übernommen hatte – und damit auch den Vertrag für Härtlings Debütroman, dessen Autor zu dieser Zeit als Redakteur der „Deutschen Zeitung“ arbeitete. Es dauerte eine Weile, bis Grosche die Qualität ihres Autors erkannte.

Härtlings Weg in die Schriftstellerexistenz, so wird mit Siblewski deutlich, verlief nicht ohne Komplikationen, erst recht nicht ohne die Notwendigkeit, zunächst und bis zu seinem vierzigsten Geburtstag auch einem Brotberuf nachzugehen, zunächst als Redakteur der „Deutschen Zeitung“, dann des „Monats“, dann als Lektor im S.-Fischer-Verlag. Mit seiner Frau, der Arzttochter Mechthild Maier, die er in der Jugend in Nürtingen kennengelernt hatte und die ihr Studium der Psychologie abschloss und nach der Eheschließung im Jahr 1959 noch eine Zeit lang weiter in ihrer Disziplin tätig war, bekam er vier Kinder.

Die Familie siedelte sich in einem Bungalow in der von Richard Neutra geplanten Wohnsiedlung im hessischen Walldorf an, von wo aus Härtling seine aus heutiger Sicht märchenhaft anmutende Karriere als intensiv gelesener Autor der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft voller Verve ausbaute, bald bei Kiepenheuer & Witsch unter Vertrag stand und sich politisch engagierte, unter anderem im Kampf gegen den Bau der Startbahn West.

Siblewski schildert, wie Härtling mit „Niembsch“, dem Roman, der frei auf dem Leben des Dichters Nikolaus Lenau fußt, mit „Janek“ und mit „Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung“ seine Popularität ausbauen konnte. Mit dem 1974 erschienenen „Eine Frau. Die Geschichte einer zögernden Emanzipation“, das 1976 verfilmt wurde, vor allem aber mit „Hölderlin“ steigerte sich der Erfolg.

Der umfangreiche Roman, den Härtling kurz nach Erscheinen der legendären Biographie von Pierre Bertaux und dem Beginn des Erscheinens der historisch-kritischen Ausgabe des kürzlich verstorbenen D. E. Sattler veröffentlichte, trug dazu bei, das idealisierende Bild Hölderlins neu zu denken. In seiner „Annäherung“ an Hölderlin, die 1976 erschien, schlossen sich Härtlings ureigenstes Schreibverlangen, sein Geschichtsverständnis, Themen und Motive wie die Ersetzung verlorener mütterlicher Liebe durchs Schreiben aufs Günstigste an den Zeitgeist der späten Siebzigerjahre an. Der gut gealterte Roman hat bis heute zahlreiche Auflagen erfahren, allein 16 davon als Taschenbuch.

So erfolgreich, wie Härtling mit seinen Romanbiographien und Romanen war, war er auch mit seinen zahlreichen Kinderbüchern. Kaum ein westdeutsches Kind der Siebziger- und Achtzigerjahre dürfte sich nicht an so warmherzige wie offene Bücher Härtlings wie „Das war der Hirbel“ (1973) oder „Theo haut ab“ (1979) erinnern. Wenngleich etliche von ihnen auch ein wenig in die Jahre gekommen zu sein scheinen, sind andere noch immer anrührend und wiederum selbst Spiegel der aufklärerischen Strömungen ihrer Zeit, etwa „Ben liebt Anna“ (1979), das die Geschichte des zehnjährigen Benjamin Körbel erzählt, der sich schüchtern und kindlich in die deutsch-polnische Anna verliebt, deren Vater mit der Großfamilie nach Deutschland umsiedelte, um dort Arbeit zu finden.

Anregend gelingt es Siblewski, Werk und Leben Härtlings geschickt ineinanderzublenden, jedenfalls über weite Strecken. Hin und wieder wirken Passagen allerdings ein wenig redundant, worüber sich leichter hinwegsehen lässt als über das schlampige Korrektorat. Fehlerhafte Schreibweisen von Namen wie dem von Hermann Hesses Protagonisten Hans Giebenrath aus „Unterm Rad“, der hartnäckig „Griebenrath“ genannt wird, oder HAP Grieshabers als „HAB Grieshaber“, ein Verschreiber, der wirkt wie eine Ausgeburt von Autokorrektur oder KI, mindern beträchtlich ein Buch über das Leben eines Autors und Lektors aus der Feder eines Lektors.

Sie mindern so auch die Freude an dem, was Siblewskis Biographie, die man sich zudem weniger spärlich bebildert gewünscht hätte, leistet: Sie zeigt die Transformation eines Lebens, das, ziemlich exakt ausgespannt zwischen Hitlers Machtergreifung und der Vereidigung Donald Trumps, beinahe annähernd ein bewegtes Jahrhundert umschließt. Sie erzählt, wie dieses Leben mit Verve, Talent und, ja, auch günstigen Zeiten in ein Werk mündete, an dem nicht nur Umfang, Vielfalt und Erfindungsreichtum staunen machen, sondern auch die extrem hohe Sensibilität eines Autors für das Geschehen seiner Zeit, deren Denkweisen und Schmerzpunkte, vor allem aber auch für die gesellschaftliche Notwendigkeit, sich überhaupt und anders zu erinnern.

Die Erinnerung ist auch einer der zentralen Topoi der Gedichte aus Härtlings später Schaffensphase bis zu seinem Tod am 10. Juli 2017. Auch sie liegen, wie die Biographie im Zusammenhang mit Peter Härtlings 90. Geburtstag am 13. November 2023, nun in einer von Klaus Siblewski edierten Ausgabe vor, deren Kommentarteil etwas ausführlicher hätte ausfallen dürfen. Sie beginnt im Jahr 2000 und fasst sechs Einzelbände zusammen: von „Ein Balkon aus Papier“ (2000) bis „Versuchte Ewigkeit“ (2016). Dazu kommen noch Gedichte aus Büchern sowie verstreut veröffentlichte und bis dato unveröffentlichte Gedichte.

Ein klarer, wenig hermetischer Ton ist in diesen Gedichten zu hören. Man kann sie, einer Kategorisierung Siblewskis folgend, nach unterschiedlichen Weisen des Sprechens einteilen: in Gedichte, in denen ein Ich spricht, das der Leser intuitiv mit dem Autor identifiziert, in solche, die ins Allgemeine zielen und in denen ein „junger Mann“ spricht, die eher ins Märchenhafte zielen, und drittens Gedichte, die wie Traumprotokolle des lyrischen Ichs oder des Lesers aufgefasst werden können.

Es sind diese spezifischen Redeweisen im Spannungsfeld zwischen Autobiographischem und Allgemeingültigem, aus denen sich ein besonderer Ton formt, dessen Intimität und Musikalität bezwingend wirken. In der Fülle von Gedichten kehren bestimmte Motive und Topoi regelmäßig wieder. Sehnsucht nach Stille und die Zunahme des Schweigens, Zweifel des Vielschreibers an der Sprache: „Immer wieder den Wörtern / auf den Leim gegangen – / nun endlich, / satt und krank zugleich, / untergetaucht, / um sie von unten zu sehen, / ein Himmel / von faulenden Bäuchen: / Nahrung für / mein wachsendes Schweigen.“

Die kleiner werdenden Radien eines Gealterten kommen zur Sprache, und eben immer wieder die Erinnerung in und mit all ihrer Macht. „Ich bin alt und müde. Es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt“, heißt es bei Wilhelm Raabe in „Die Chronik der Sperlingsgasse“. Das könnte als ein Motto auch über Peter Härtlings späten Gedichten stehen.

Dieser Melancholie stehen Topoi, Motive und Referenzen entgegen, die in Versen aufheben, was Peter Härtlings Schreiben mutmaßlich massiv getragen hat: die Erfahrung von Verlust und Schmerz, die wachsende Liebe zu seiner Frau in einer Ehe, die, wie aus der Biographie deutlich wird, auch heftigen Anfechtungen ausgesetzt war. Die Musik, etwa von Wolfgang Amadeus Mozart, Leos Janácek, Johannes Brahms, Franz Schubert, Erik Satie, und Literatur, Gottfried Keller mit seinem „Abendlied“ und immer wieder das zerrissene Genie Hölderlin, dessen Leben und Werk Härtling auch in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung des Romans nicht losgelassen haben.

Immer wieder ist es auch eine intensive Beschwörung einer erinnerten Kindheit, die, indem sie als erinnerte aufscheint, als verlorenes Paradies besonders leuchtet, das dennoch nicht zum Sehnsuchtsort taugt: „Von einem Kind geschrieben der Horizont, / mit Wimpeln geschmückt und leuchtenden Buchstaben. / Leicht können ihn Blicke bewegen, / herein und hinaus. / Aber dass die Töne fehlen, schmerzt.“ Immer wieder sehnt sich der hier Sprechende nach einer anderen Art eines Sprechens, und man meint, auch in dieser Sehnsucht einen Antrieb dieses Schreibenden auszumachen.

Klaus Siblewski: „Unterwegs sind wir alle“. Peter Härtling. Eine Biografie.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 368 S., geb., 28,- Euro.

Peter Härtling: „An den Ufern meiner Stadt“. Späte Gedichte.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 480 S., geb., 28,- Euro.