Die Sehnsucht des Schriftstellers nach der Stille. Peter Härtling in Gedichten und einer Biographie (8. Januar 2024, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Sehnsucht des Schriftstellers nach der Stille

Bloß nicht den Wörtern auf den Leim gehen: Eine Biographie von Klaus Siblewski und ein Sammelband seiner Gedichte erinnern an Peter Härtling.

Im Jahr 2005 erschien Peter Härtlings Gedichtband „Schattenwürfe“. Ein titelloses Gedicht des Bandes beginnt so: „Die Abstände zu den Redenden nehmen zu. Ich schleppe / die Stille mit. Sie treibt zurück, was laut wird. / Der Schmerz, den ich verabscheue, hüpft mir um einen Herzschlag voraus.“ Stille und Schmerz sind in diesen Versen bestimmend. Ihr Autor, der 1933 in Chemnitz geborene Peter Härtling, konnte zum Zeitpunkt des Erscheinens der „Schattenwürfe“ auf ein umfangreiches Werk und beträchtlichen Ruhm schauen. Sein Leben als Redakteur, Lektor und Autor von Romanen, Kinderbüchern, Gedichten, das, wenn auch geprägt von Aufbrüchen, freiwilligen wie erzwungenen, Umbrüchen vor allem beruflicher Art, stellt sich heute in vielfacher Hinsicht für Außenstehende als gelungenes dar, seine Produktivität geradezu wundersam, und nur wenige, die sein Werk oder gar den Autor kannten, würden bei seinem Namen zuerst an Stille und Schmerz denken.

Eine Biographie von Klaus Siblewski, Peter Härtlings Lektor seit 1980, die nun unter dem Titel „Unterwegs sind wir alle“ vorliegt, zeigt auch die Schattenseiten, erzählt auch Stille und Schmerz. Dem manischen Schaffen Härtlings verpflichtet, orientiert sie sich nicht in erster Linie entlang der Chronologie seines Lebens, sondern ist stattdessen als „Biografie seines Schreibens, genauer gefasst: des Romanciers Peter Härtling“, angelegt.

Die Entscheidung ist stimmig in mehrfacher Weise. Schreiben war das Zentrum, um das herum Härtlings Leben gleichsam in Ringen wuchs. Schon im Alter von vierzehn Jahren stand für das Kriegs- und Flüchtlingskind fest, Schriftsteller werden zu wollen. Diesen Plan verfolgte Härtling, wenngleich es ihm, der beide Eltern früh, die Mutter im Jahr 1946 tragisch durch einen Suizid, verloren hatte, zu Beginn nicht leichtfiel. Zunächst versuchte er sich als Prosaautor, wechselte dann zur Lyrik. Einigen Anteil daran hatte, so Siblewski, Härtlings Mentor, der Maler und Bildhauer Fritz Ruoff in Nürtingen, jenem Ort, an dem sich Härtlings Familie nach der Flucht aus dem nordmährischen Olmütz und einer Zwischenstation im österreichischen Zwettl niedergelassen hatte. Ruoff, dem Härtling zunächst seine Prosa zur Lektüre anvertraut hatte, kommentierte dessen Texte nicht, oder indirekt: Er schwieg.

Dies beherzigend, dazu tief beeindruckt von Rilke-Lektüren, Gedichten von Jakob Haringer und den Liedtexten von Jacques Prévert, begann Härtling daraufhin mit dem Schreiben von Gedichten. 1953 debütierte er mit „poeme und songs“. Der gerade einmal Zwanzigjährige löste damit einige Resonanz aus, wie auch der 1955 erschienene Gedichtband „Yamins Stationen“, benannt nach einer vom Autor erdachten Kunstfigur. Doch der Wunsch, Prosa zu schreiben, ließ ihn nicht los. Mit „Im Schein des Kometen. Die Geschichte einer Opposition“ debütierte Härtling 1959 gegen einigen Widerstand seiner neuen Verlegerin Hildegard Grosche, die im Frühsommer des Jahres den Goverts-Verlag übernommen hatte – und damit auch den Vertrag für Härtlings Debütroman, dessen Autor zu dieser Zeit als Redakteur der „Deutschen Zeitung“ arbeitete. Es dauerte eine Weile, bis Grosche die Qualität ihres Autors erkannte.

Härtlings Weg in die Schriftstellerexistenz, so wird mit Siblewski deutlich, verlief nicht ohne Komplikationen, erst recht nicht ohne die Notwendigkeit, zunächst und bis zu seinem vierzigsten Geburtstag auch einem Brotberuf nachzugehen, zunächst als Redakteur der „Deutschen Zeitung“, dann des „Monats“, dann als Lektor im S.-Fischer-Verlag. Mit seiner Frau, der Arzttochter Mechthild Maier, die er in der Jugend in Nürtingen kennengelernt hatte und die ihr Studium der Psychologie abschloss und nach der Eheschließung im Jahr 1959 noch eine Zeit lang weiter in ihrer Disziplin tätig war, bekam er vier Kinder.

Die Familie siedelte sich in einem Bungalow in der von Richard Neutra geplanten Wohnsiedlung im hessischen Walldorf an, von wo aus Härtling seine aus heutiger Sicht märchenhaft anmutende Karriere als intensiv gelesener Autor der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft voller Verve ausbaute, bald bei Kiepenheuer & Witsch unter Vertrag stand und sich politisch engagierte, unter anderem im Kampf gegen den Bau der Startbahn West.

Siblewski schildert, wie Härtling mit „Niembsch“, dem Roman, der frei auf dem Leben des Dichters Nikolaus Lenau fußt, mit „Janek“ und mit „Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung“ seine Popularität ausbauen konnte. Mit dem 1974 erschienenen „Eine Frau. Die Geschichte einer zögernden Emanzipation“, das 1976 verfilmt wurde, vor allem aber mit „Hölderlin“ steigerte sich der Erfolg.

Der umfangreiche Roman, den Härtling kurz nach Erscheinen der legendären Biographie von Pierre Bertaux und dem Beginn des Erscheinens der historisch-kritischen Ausgabe des kürzlich verstorbenen D. E. Sattler veröffentlichte, trug dazu bei, das idealisierende Bild Hölderlins neu zu denken. In seiner „Annäherung“ an Hölderlin, die 1976 erschien, schlossen sich Härtlings ureigenstes Schreibverlangen, sein Geschichtsverständnis, Themen und Motive wie die Ersetzung verlorener mütterlicher Liebe durchs Schreiben aufs Günstigste an den Zeitgeist der späten Siebzigerjahre an. Der gut gealterte Roman hat bis heute zahlreiche Auflagen erfahren, allein 16 davon als Taschenbuch.

So erfolgreich, wie Härtling mit seinen Romanbiographien und Romanen war, war er auch mit seinen zahlreichen Kinderbüchern. Kaum ein westdeutsches Kind der Siebziger- und Achtzigerjahre dürfte sich nicht an so warmherzige wie offene Bücher Härtlings wie „Das war der Hirbel“ (1973) oder „Theo haut ab“ (1979) erinnern. Wenngleich etliche von ihnen auch ein wenig in die Jahre gekommen zu sein scheinen, sind andere noch immer anrührend und wiederum selbst Spiegel der aufklärerischen Strömungen ihrer Zeit, etwa „Ben liebt Anna“ (1979), das die Geschichte des zehnjährigen Benjamin Körbel erzählt, der sich schüchtern und kindlich in die deutsch-polnische Anna verliebt, deren Vater mit der Großfamilie nach Deutschland umsiedelte, um dort Arbeit zu finden.

Anregend gelingt es Siblewski, Werk und Leben Härtlings geschickt ineinanderzublenden, jedenfalls über weite Strecken. Hin und wieder wirken Passagen allerdings ein wenig redundant, worüber sich leichter hinwegsehen lässt als über das schlampige Korrektorat. Fehlerhafte Schreibweisen von Namen wie dem von Hermann Hesses Protagonisten Hans Giebenrath aus „Unterm Rad“, der hartnäckig „Griebenrath“ genannt wird, oder HAP Grieshabers als „HAB Grieshaber“, ein Verschreiber, der wirkt wie eine Ausgeburt von Autokorrektur oder KI, mindern beträchtlich ein Buch über das Leben eines Autors und Lektors aus der Feder eines Lektors.

Sie mindern so auch die Freude an dem, was Siblewskis Biographie, die man sich zudem weniger spärlich bebildert gewünscht hätte, leistet: Sie zeigt die Transformation eines Lebens, das, ziemlich exakt ausgespannt zwischen Hitlers Machtergreifung und der Vereidigung Donald Trumps, beinahe annähernd ein bewegtes Jahrhundert umschließt. Sie erzählt, wie dieses Leben mit Verve, Talent und, ja, auch günstigen Zeiten in ein Werk mündete, an dem nicht nur Umfang, Vielfalt und Erfindungsreichtum staunen machen, sondern auch die extrem hohe Sensibilität eines Autors für das Geschehen seiner Zeit, deren Denkweisen und Schmerzpunkte, vor allem aber auch für die gesellschaftliche Notwendigkeit, sich überhaupt und anders zu erinnern.

Die Erinnerung ist auch einer der zentralen Topoi der Gedichte aus Härtlings später Schaffensphase bis zu seinem Tod am 10. Juli 2017. Auch sie liegen, wie die Biographie im Zusammenhang mit Peter Härtlings 90. Geburtstag am 13. November 2023, nun in einer von Klaus Siblewski edierten Ausgabe vor, deren Kommentarteil etwas ausführlicher hätte ausfallen dürfen. Sie beginnt im Jahr 2000 und fasst sechs Einzelbände zusammen: von „Ein Balkon aus Papier“ (2000) bis „Versuchte Ewigkeit“ (2016). Dazu kommen noch Gedichte aus Büchern sowie verstreut veröffentlichte und bis dato unveröffentlichte Gedichte.

Ein klarer, wenig hermetischer Ton ist in diesen Gedichten zu hören. Man kann sie, einer Kategorisierung Siblewskis folgend, nach unterschiedlichen Weisen des Sprechens einteilen: in Gedichte, in denen ein Ich spricht, das der Leser intuitiv mit dem Autor identifiziert, in solche, die ins Allgemeine zielen und in denen ein „junger Mann“ spricht, die eher ins Märchenhafte zielen, und drittens Gedichte, die wie Traumprotokolle des lyrischen Ichs oder des Lesers aufgefasst werden können.

Es sind diese spezifischen Redeweisen im Spannungsfeld zwischen Autobiographischem und Allgemeingültigem, aus denen sich ein besonderer Ton formt, dessen Intimität und Musikalität bezwingend wirken. In der Fülle von Gedichten kehren bestimmte Motive und Topoi regelmäßig wieder. Sehnsucht nach Stille und die Zunahme des Schweigens, Zweifel des Vielschreibers an der Sprache: „Immer wieder den Wörtern / auf den Leim gegangen – / nun endlich, / satt und krank zugleich, / untergetaucht, / um sie von unten zu sehen, / ein Himmel / von faulenden Bäuchen: / Nahrung für / mein wachsendes Schweigen.“

Die kleiner werdenden Radien eines Gealterten kommen zur Sprache, und eben immer wieder die Erinnerung in und mit all ihrer Macht. „Ich bin alt und müde. Es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt“, heißt es bei Wilhelm Raabe in „Die Chronik der Sperlingsgasse“. Das könnte als ein Motto auch über Peter Härtlings späten Gedichten stehen.

Dieser Melancholie stehen Topoi, Motive und Referenzen entgegen, die in Versen aufheben, was Peter Härtlings Schreiben mutmaßlich massiv getragen hat: die Erfahrung von Verlust und Schmerz, die wachsende Liebe zu seiner Frau in einer Ehe, die, wie aus der Biographie deutlich wird, auch heftigen Anfechtungen ausgesetzt war. Die Musik, etwa von Wolfgang Amadeus Mozart, Leos Janácek, Johannes Brahms, Franz Schubert, Erik Satie, und Literatur, Gottfried Keller mit seinem „Abendlied“ und immer wieder das zerrissene Genie Hölderlin, dessen Leben und Werk Härtling auch in den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung des Romans nicht losgelassen haben.

Immer wieder ist es auch eine intensive Beschwörung einer erinnerten Kindheit, die, indem sie als erinnerte aufscheint, als verlorenes Paradies besonders leuchtet, das dennoch nicht zum Sehnsuchtsort taugt: „Von einem Kind geschrieben der Horizont, / mit Wimpeln geschmückt und leuchtenden Buchstaben. / Leicht können ihn Blicke bewegen, / herein und hinaus. / Aber dass die Töne fehlen, schmerzt.“ Immer wieder sehnt sich der hier Sprechende nach einer anderen Art eines Sprechens, und man meint, auch in dieser Sehnsucht einen Antrieb dieses Schreibenden auszumachen.

Klaus Siblewski: „Unterwegs sind wir alle“. Peter Härtling. Eine Biografie.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 368 S., geb., 28,- Euro.

Peter Härtling: „An den Ufern meiner Stadt“. Späte Gedichte.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023. 480 S., geb., 28,- Euro.

Werkseinstellungen: Kerstin Preiwuß (16. November 2023, Hessisches Literaturforum im Mousonturm)

„Ich spreche nie beim Schreiben, bin ein immenses stilles Feld, ein tiefes Wasser mit dünner Haut, die ständig friert“ – das sagt das Ich in Kerstin Preiwuß’ literarischem Essay Heute ist mitten in der Nacht, und es ist schwer diesen Satz nicht poetologisch zu lesen. Sowohl ihre Prosa als auch ihre Gedichte sind bestimmt von Suchbewegungen, einem ruhigen Tasten, das in die Tiefe weist, aber empfänglich und im besten Sinne dünnhäutig bleibt für alles, was ihm auf seinem Weg begegnet. Sei es im Umgang mit Romanfiguren oder der Sprache selbst: Stets zeigt sich bei Preiwuß das austarierte Zusammenspiel aus Empathie und Distanz. Motivisch ziehen sich Einsamkeit und die scheinbare Sicherheit, die Sprache bieten kann, durch die formal vielseitigen Texte.

Ich moderiere.

Im Rahmen der „Werkseinstellungen“ solle dem Ton von Preiwuß’ Texten nachgegangen werden, wenn schon nicht beim Schreiben, dann doch übers Schreiben zu sprechen. (Quelle: Hessisches Literaturforum im Mousonturm)

Lyrikgespräch: Ana Pepelnik „nicht fisch“ und Jan Wagner „Steine und Erden“ ( 24. Oktober 2023, DLF, Büchermarkt)

Die Sendung kann hier nachgehört werden.

Ana Pepelnik wurde 1979 in Ljubljana geboren, sie ist Dichterin, Musiker, Übersetzerin unter anderem von Sylvia Plath, Elizabeth Bishop und Wallace Stevens ins Slowenische. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und ist Sängerin der Band Boring Couple und beschäftigt sich mit Impro Poesie Musik Performances.  Wichtige Bände sind die beiden Bände techno und treš, was auf Deutsch so viel wie „Müll“ heißt.

Ihr Band „techno“ ist in der deutschen Übersetzung eine Kompilation aus den beiden slowenischen Originalbänden „techno“ und „treš“. Zwei Übersetzerteams waren hier am Werk: Amalija Maček und Matthias Göritz bewegen sich in ihren Versionen näher am Original, während Adrian Kasnitz und Thomas Podhostnik bewusst nach- und neu gedichtet haben. Damit bildet die deutsche Übersetzung auch etwas was ab, was der slowenischen Sprache eigen ist: sie ist gesprochen voller Variantenreichtum und Offenheit des Originals, die Mischung verschiedener übersetzerischer Zugänge bildet das ab.

Liebe, Krieg und Tod sind, auch unter dem Eindruck des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 zentral in Pepelniks Gedichten: „heute schreib ich am meisten traurigkeit in eine welt hin lass mich die traurigkeit der welt ach egal wiederkrie/g“ heißt es gleich im ersten Gedicht des Bandes. Das Bildinventar des Kriegs und der Kriegsführung taucht in den Gedichten immer wieder auf. Der Krieg, der mit Kampf und Tod einhergeht, erscheint wie eine Ausprägung des Todestriebs, des Thanatos. Im Gedicht „slowenische apokalypse“, das ein wenig wie ein postmodernes Pastiche von Weltende von Jakob van Hoddis klingt, ist durchzogen von Donner, Blut, Ende, das Wort Krieg kommt nicht vor, aber er Untergang, trotz der Liebe, die in diesem Gedicht auch beschworen wird. Ein anderes Gedicht heißt „Louder than bombs“, eine Anspielung auf den Film, aber auch auf ein Album der britischen Band „The Smiths“. Der Todestrieb manifestiert sich im Krieg, in der Aggression, er kann aber auch produktiv gemacht werden, wenn es gelingt, die zerstörerische Energie umzulenken, wofür diese Gedichte auch ein Beispiel sind, ein Beispiel eines auszufechtenden Text-Kreigs gegen sich selbst aus dem man für einen Moment siegreich hervorgeht, wenn man ein Gedicht geschrieben hat.

Im „nicht fisch“-Band von Ana Pepelnik wird auch Trauer verarbeitet wird, der Tod des verstorbenen David Šalamun, Sohn des großen slowenischen Dichters Tomasz Salamun,IM Gedicht „Für dich, Tomaz, als Rache“ findet sich im Bild einer Schneekugel die Erinnerung an diesen Tod konzentriert.

Jan Wagners Gedichte gehen auch im achten Band des 1971 geborenen Dichters immer vom Konkreten aus, vom Kleinen, vom vermeintlich Beiläufigen. Und sie machen es dann groß. Steine und Erden bezieht sich auf das Motto des Bandes von Francis Ponge, das man so übersetzen könnte: „Wenn das Reden über Erde mich zu einem minderen Dichter oder Erdarbeiter machen sollte, will ich es sein! Ich kenne kein größeres Thema.“

Denken wir an Steine und Erde, dann können wir uns deren Aufbau aus einzelnen Atomen in Gitterstrukturen feststellen, iDer Stein ist so wichtig in allen Traditionen, der Stein von Jesu Grab, der Stein von Rosetta, — ohne den Stein, wie es in einem früheren Gedicht von Jan Wganer über Mücken heißt, der Stein bei Celan, etc. Dagegen stehen die Erden, aus denen Gott Adam schuf, Erde zu Erde, Asche zu Asche als Christliche Begräbnisformel, etc.

Und zugleich sind Steine und Erden sehr konkret, wie immer bei Wagner bestehen die Titel seiner Gedichte aus einzelnen, zwei konkreten Begriffen (verba), wie so oft geht es auch hier um Städten und Länder (oder allgemeiner: den Orten) Tiere, Pflanzen, Gegenstände, bekannte Persönlichkeiten und literarische Gattungen.

Der Band mit seinen fünf Abteilungen, mit seinen so fein gearbeiteten Gedichten ist einmal mehr ein Ausweis für die immensen Fertigkeiten, die Jan Wagner an den Tag legt. Seine Gedichte lehren uns genaues Hinsehen, sie lehren uns das Schauen hinter die Dinge, ich bin als jemand, die Wagners Lyrik immens schätzt: seinen Umgang und sein Weiterdenken, sein Ausreizen und zum Teil auch sein Ironisieren der lyrischen Tradition, die er in ihrer Form- und Bildsprache unglaublich gut kennt. Fügungen wie „der / saft der reifen pflaumen am baum begann in / wespen zu sprechen“ aus dem Gedicht Erinnerungen an die Siebziger Jahre sind so bezaubernd wie Jan Wagners Gedichte es zu sein vermögen, unübertroffen präzise und schöpferisch.