Rezension von vier Büchern über die Alpen (Der Freitag)

Zu den modernsten Seilbahnen in Südtirol zählt die Unterstell-Bahn im Vinschgau, menschliches Personal ist hier längst überflüssig. Vollautomatisch schnurrt die Bahn von der Naturnser Talstation hinauf auf den Berg, über eine Strecke von rund einem Kilometer und mehr als 745 Höhenmetern. Genug Zeit, den Gesprächen der Mitfahrenden in der rappelvollen Kabine zu lauschen. Eine stark geschminkte Endfünfzigerin mit barock verschnörkelten Brillenbügeln lässt versonnen ihren Blick ins Tal schweifen und befindet: „Hier ist die Natur noch echte Natur. Hier ist das Grün noch echtes Grün!“ Weiterlesen!

Interview mit Martin Jankowski über Indonesiens Lyrik – Zur Buchmesse 2015 (Der Freitag)

der Freitag: Herr Jankowsi, woran liegt es, dass die indonesische Literatur – und damit die Lyrik – so unbekannt ist?

Martin Jankowski: Indonesien scheint uns zunächst zu groß, zu fern, zu anders. Bei der Lyrik mag es daran liegen, dass es im deutschen Sprachraum kaum Übersetzer aus dem Indonesischen gibt – eine Folge der Unlust deutscher Verlage, indonesische Literatur zu verlegen. Auch mental-kulturelle Unterschiede bewirken, dass man sich fremd bleibt. Außerdem begreift sich Indonesien selbst kaum als Literaturnation und stellt sich nicht als solche dar. Weiterlesen!

Rezension Ton Tellegen „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“ (Der Freitag)

Als ich neulich in einer alten Frankfurter Bäckerei ein Stück Himbeertorte zum Mitnehmen orderte, schaute mich die dürre Verkäuferin mit einem uneindeutigen Blick an: „Da ist aber viel Sahne drin“, sagte sie streng und schmallippig. Mein „Ja, und?“ beantwortete sie mit dem Satz: „Manche Kunden mögen das nicht. Die finden das eklig. So viel Sahne. Iiiiih, wie eklig.“ Und während sie das Wort „eklig“ mehrfach wiederholte, wurde klar, dass ihr Blick im Grunde eindeutig war: Kalte Wut über ihren zuckrigen und fettigen Beruf sprach aus ihm. Weiterlesen!

Rezension neuer Gedichtbände von Carolin Callies, Elke Erb, Nora Gomringer, Rike Scheffler und Jan Wagner (Der Freitag)

„Während im spiegel / jenes beharrlich sanfte V der ohren noch serpentinenlang zu sehen war, / ein victory, vittoria, victoire“, dichtet Jan Wagner in einem Gedicht aus den Regentonnenvariationen, deren großen Erfolg niemand vorhersehen konnte. Als erster Gedichtband überhaupt ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, sind die Regentonnenvariationen inzwischen bei einer Auflage von sagenhaften 35.000 Exemplaren angelangt. Der Band steht weiterhin auf der Spiegel-Bestsellerliste (die dieser Tage ungewöhnlich literarisch ambitioniert daherkommt). Und Jan Wagner wird am 22. April in Fellbach den Mörike-Preis entgegennehmen. Das „beharrlich sanfte V der Ohren“ könnte man also auch als einen kleinen Sieg der Gattung lesen, umso mehr, als Jan Wagner seit seinem Erfolg es sich zur vornehmen Aufgabe gemacht hat, auf die äußert lebendige deutschsprachige Lyrikszene aufmerksam zu machen. Weiterlesen!