Heike Gallmeier: Vertigo

Normalerweise schreibe ich Kritiken für Print und Hörfunk. Selten kommt es auch einmal vor, dass ich Texte lektoriere und mit den Autoren darüber diskutiere. Mit der Berliner Künstlerin und UdK-Professorin Heike Gallmeier verbindet mich seit Jahrzehnten eine unschätzbare Freundschaft. Ihre Texte für den Katalog „Vertigo“ zu lesen, mit ihr zu diskutieren und zu überarbeiten, war in anderer Weise spannend als die Reise, die sie in Ausstellungen und im Katalog ästhetisch transformiert. Die gemeinsame Arbeit an ihren Texten war auch eine schöne, abenteuerliche und eine glückliche „Reise“.

Der Katalog „Vertigo“ dokumentiert eine Reise von Berlin nach Northampton und die aus dieser Fahrt resultierenden Ausstellungen. Heike Gallmeier hat während ihrer Reise in einem zum mobilen Wohnatelier umgebauten Transporter aus gefundenen Materialien temporäre Installationen gebaut. Auf dem Weg durch Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich und Großbritannien hat sie Autobahnen und Hauptstraßen vermieden. Anstatt die kürzeste Route zu wählen, ist sie auf Landstraßen und durch Wohngebiete gefahren. An ihrem Ziel, dem NN Contemporary Art in Northampton, angekommen, hat sie den Innenraum des Transporters in den Ausstellungsraum versetzt und, zusammen mit großformatigen Fotografien, die auf dem Weg gefundenen Materialien zu neuen Installationen verarbeitet.

Den von Andreas Koch grafisch  schön gestalteten Katalog gibt es hier.

Zurück zum Text (Freitag online 25.05.2018)

Christian Kracht. Bringt das Verfestigte in Bewegung. Das wünsche ich mir von der Literatur / der Kunst. Und: ich brauche keine Kunstwerke, die mir von vornherein ihre moralische Reinheit und politische Korrektheit unter die Nase reiben.
Ich bevorzuge Vieldeutigkeit, Offenheit — umso mehr, wenn ich die Perfektion des Handwerkes sehe, in der auch ein Ort für Fehler ist. Klingt das kryptisch? Dann habe ich mich angemessen artikuliert. Mehr offene Frage hier.

Dreh dich (nicht) um (Der Freitag online)

Für den Freitag besuche ich die Frankfurter Poetikvorlesung von Christian Kracht. Nach der ersten der drei Vorlesungen habe ich erste Eindrücke und Überlegungen aufgeschrieben, leider sehr in Eile und — wie wohl alle, die am 15. Mai im Hörsaal 1 der Johann Wolfgang Goethe-Universität saßen –, adäquat auf das zu reagieren, worüber Kracht an diesem Abend sprach: über den Missbrauch, der er als Schüler des kanadischen Lakefield College erlebt hat.

Der Kontrast zwischen den allenfalls homöopathisch dosierten autobiographischen Kommentaren des Autors und diesen „Confessiones“ hätte krasser nicht ausfallen können.

Die Frage, ob es für nicht Missbrauchte überhaupt möglich ist, adäquat auf eingestandene Missbrauchserfahrungen zu reagieren, ist keine literaturwissenschaftliche, das ist ja klar. Aber ignorieren lässt sie sich nicht, auch dann nicht, wenn man, wie es einige bereits nach der ersten Vorlesung getan haben, und wie Kracht in der gestrigen zweiten Sitzung es selbst weiter befördert hat, der Erinnerung, die der Autor in der ersten Vorlesung als rückkoppelbar an reale Erfahrung geschildert hat, dann  doch wieder misstraut.

„Unschärfe“ und „Quantenverschiebung“, „Hochstapelei“ (unter Bezug auf T. S. Eliot) und „Parodie“ — mit all diesen Begriffen unterminierte Kracht gestern seine wuchtigen Missbrauchsschilderungen.

Worauf läuft das hinaus? Auf so etwas wie eine „Auflösung“ in der dritten und letzten Vorlesung am kommenden Dienstag zu hoffen, ist natürlich naiv. Dieser Autor ist schlauer als die meisten seiner Leser, auch das steht fest. Hier der Link zu meinem Online-Bericht im Freitag. (Die gröbsten Fehler darin sind nun hoffentlich auch beseitigt.)

Orphil 2018 in Wiesbaden (6.6.2018, Literaturhaus Villa Clementine, Wiesbaden)

Gründonnerstag war es, als wir, das heißt in diesem Fall Alf Mentzer, Björn Jager und ich  in schöner Runde und im klug begleitenden Beisein der Journalistin Shirin Sojitrawalla und Katharina Dietl vom Literaturhaus Wiesbaden über Lyrik diskutiert haben, weil Preise zu vergeben waren. Es war eine Herausforderung, eine Freude, Gedichte sind ein spannendes, aber eben auch herausforderndes Terrain.
Geeinigt haben wir uns schließlich und einstimmig darauf, Christoph Meckel mit dem Lyrikpreis Orphil der Landeshauptstadt Wiesbaden auszuzeichnen. Christoph Meckel wird selbst anwesend sein, wenn er am Mittwoch, 6. Juni, um 20 Uhr im Literaturhaus Villa Clementine, Frankfurter Straße 1, den mit 10.000 Euro dotierten Preis vom Wiesbadener Kulturdezernenten Axel Imholz überreicht bekommt. Den Preis sprechen wir Christoph Meckel für sein Lebenswerk und insbesondere für den 2017 erschienenen Band „Kein Anfang und kein Ende. Zwei Poeme“ (Carl Hanser Verlag) zu.

Und ich freue mich wie eine Schneekönigin darüber, dass ich diesem Autor, den ich seit 1992, dem Jahr, in dem ich zuerst eines seiner Bücher, nämlich „Licht“, gelesen habe, die Laudatio halten darf. Das ist eine ganz große Ehre!

Die Lyrikerin Sibylla Vričić Hausmann, die im Februar 2018 im Haus für Poesie mit ihrem  Gedichtband „3 Falter“ (poetenladen Verlag) vertreten war, erhält den mit 2.500 Euro dotierten Orphil-Debütpreis. Hier wird Björn Jager, der Leiter des Hessischen Literaturforums, die Lobrede halte, auf die ich schon sehr gespannt bin!

Die musikalische Umrahmung der Preisverleihung übernimmt die aus Wiesbaden stammende Baritonsaxophonistin Kira Linn. Sie wird am Klavier begleitet.

Vergeben wird der Orphil-Preis alle zwei Jahre an Lyriker oder Lyrikerinnen, die mit ihrem Werk Stellung beziehen und sich politischen wie stilistischen Moden zu widersetzen wissen. Stifterin ist Ilse Konell, die Witwe des 1991 verstorbenen und viele Jahre in Wiesbaden lebenden Dichters George Konell. Die Preisverleihung findet am 6. Juni statt.

Veranstalter ist das Kulturamt Wiesbaden in Kooperation mit hr2-kultur; moderiert wird die Veranstaltung von Alf Mentzer (hr2-kultur). Der Eintritt ist frei.

Wer sich für die Laudatio interessiert, kann mich gerne anschreiben.

Joshua Cohen: Buch der Zahlen (25.02.2018, Gutenbergs Welt, WDR3)

Wer immer dachte, „supercalifragisticexpialidocious“ sei ein langes Wort – hier wird mehr geboten! Zwar kein Adjektiv, sondern ein Substantiv, das im Wortlängencontest natürlich insofern mogelt, als man ja mit Substantiven Komposita basteln kann, die gegen Unendlich gehen. Wie auch immer.
Der 1980 geborene Joshua Cohen ist ein unglaublich geschickter Sprachbastler, der sich seinem „Buch der Zahlen“ an einer Stelle dann eben auch genau diese Besonderheit aus der deutschen Sprache herausgreift, für die ich sie besonders schätze, nämlich Komposita zu bilden. Aus Joshua Cohens „socialistcommunistworkerhousingbalconiesarefalling“ (rund fünfzig Buchstaben) wird dann in der deutschen Übersetzung von Robin Detje auf Seite 728 zu „sozialistischkommunistischearbeiterwohnstattbröckelbalkone“ (57 Buchstaben). Insa Wilke hat mich in „Gutenbergs Welt“ eingeladen. In unserem Gespräch ging es auch um die Zahl Vierzig, die in Cohens Roman auch eine wichtige Rolle spielt, wie überhaupt dieser streckenweise glanzvoll aufregende und streckenweise glanzvoll langweilige Roman auf vielen verschiedenen Ebenen das Spannungsfeld von Worten und Zahlen auslotet und sich damit auch in die Tradition jüdischer Mystik stellt.
Zur Sendung geht es hier.