Dreh dich (nicht) um (Der Freitag online)

Für den Freitag besuche ich die Frankfurter Poetikvorlesung von Christian Kracht. Nach der ersten der drei Vorlesungen habe ich erste Eindrücke und Überlegungen aufgeschrieben, leider sehr in Eile und — wie wohl alle, die am 15. Mai im Hörsaal 1 der Johann Wolfgang Goethe-Universität saßen –, adäquat auf das zu reagieren, worüber Kracht an diesem Abend sprach: über den Missbrauch, der er als Schüler des kanadischen Lakefield College erlebt hat.

Der Kontrast zwischen den allenfalls homöopathisch dosierten autobiographischen Kommentaren des Autors und diesen „Confessiones“ hätte krasser nicht ausfallen können.

Die Frage, ob es für nicht Missbrauchte überhaupt möglich ist, adäquat auf eingestandene Missbrauchserfahrungen zu reagieren, ist keine literaturwissenschaftliche, das ist ja klar. Aber ignorieren lässt sie sich nicht, auch dann nicht, wenn man, wie es einige bereits nach der ersten Vorlesung getan haben, und wie Kracht in der gestrigen zweiten Sitzung es selbst weiter befördert hat, der Erinnerung, die der Autor in der ersten Vorlesung als rückkoppelbar an reale Erfahrung geschildert hat, dann  doch wieder misstraut.

„Unschärfe“ und „Quantenverschiebung“, „Hochstapelei“ (unter Bezug auf T. S. Eliot) und „Parodie“ — mit all diesen Begriffen unterminierte Kracht gestern seine wuchtigen Missbrauchsschilderungen.

Worauf läuft das hinaus? Auf so etwas wie eine „Auflösung“ in der dritten und letzten Vorlesung am kommenden Dienstag zu hoffen, ist natürlich naiv. Dieser Autor ist schlauer als die meisten seiner Leser, auch das steht fest. Hier der Link zu meinem Online-Bericht im Freitag. (Die gröbsten Fehler darin sind nun hoffentlich auch beseitigt.)

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