Zum Todestag von Rosa Luxemburg (15. Januar 1919)

Zu den wichtigsten Filmen, die ich als Schülerin gesehen habe, zählt Margarethe von Trottas „Rosa Luxemburg“. Als von Trotta an Adornos Geburtstag am 11. September 2018 in der Frankfurter Paulskirche mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet wurde, zeigte man im Rahmen der Preisverleihung, — ich meine mich zu erinnern, dass es auf den Wunsch der Regisseurin geschah — , die Szene, die den Mord an Rosa Luxemburg zeigt. Rosa Luxemburg, grandios glaubwürdig bis ins leichte Hinken hinein verkörpert — ja, verkörpert!! — von Barbara Sukowa, spricht zuvor in einem Zimmer des Wilmersdorfer Hotels Eden, in dem sie gefangen gehalten wird, mit dem jungen Wächter. Sie fragt ihn nach seiner Herkunft, nach seiner Familie. Der junge Mann zögert beim Antworten.
Sie sagt so etwas wie „Du darfst nicht mit mir sprechen, nicht wahr?“ Der junge Mann wirkt peinlich berührt. Ein intimer und empathischer Moment, den von Trott glaubhaft imaginiert und Sukowa brillant spielt, ehe die Kavalleristen ins Zimmer platzen, Rosa Luxemburg durch die Flure des Hotels führen, ehe man ihr mit einem Gewehrkolben auf den Hinterkopf schlägt, sie in einen bereit stehenden Wagen wirft. Ehe sie mutmaßlich von dem Offizier Hermann Souchon erschossen und in den Landwehrkanal geworfen wird.  

Als ich den Ausschnitt im September bei der Preisverleihung wiedergesehen habe, erinnerte ich mich an das erste Sehen des Films, wahrscheinlich 1985 oder 1986, in der immer mittwochs laufenden Filmauslese im Kino-Center-Selb im Kinosaal 1, auf dessen Leinwand sich ziemlich in der Mitte ein fast handtellergroßer Fleck befand, um dem ich zu Beginn eines Films immer ziemlich bemüht herumschauen musste, ehe mich der Film in Bann zog. Manchmal klappte es gar nicht, dann war der Film eindeutig schlecht, manchmal vergaß ich den Fleck praktisch sofort. So auch bei „Rosa Luxemburg“.

Ich hatte nchts von der „Roten Rosa“ gewusst und las anschließend Luxemburgs Briefe, ich las Frederik Hetmanns „Rosa L.“. Ich würde heute gerne Ernst Pipers Biografie „Rosa Luxemburg“ lesen, die gestern in „Andruck“ im Deutschlandfunk besprochen wurde, ob ich es bei der vielen Arbeit auf meinem Tisch einrichten kann, weiß ich noch nicht.

Gerade in ihren Briefen erinnerte mich die Revolutionärin, die in Zürich unter anderem Zoologie studiert hatte, mit ihrer Liebe zu gefiederten Kreaturen an meine Großmutter, die in ihrem Haus am Waldrand und mit Fensterausblicken auf den riesigen, von meinem Großvater angelegten Obstgarten so gerne die Vögel anlockte: Meisen, Amseln, aber auch Eichelhäher, jene schönen Vögel mit den blauschwarz gestreiften Federpartien, die mir meine Großmutter zuerst unter dem schönen Oberpfälzer Wort „Nussgackl“ vorstellte. Einige von ihnen kamen regelmäßig in den Kirschbaum vorm Wohnzimmerfenster, viele zu den Vogelhäuschen vor den Fenstern des Hauses. Wenn ich bei meiner Großmutter zu Besuch war, näherten wir uns manchmal in einem der Zimmer ganz langsam diesen Häuschen in der Hoffnung, den Vögel dabei zuzusehen, wie sie die Sonnenblumenkerne zerknackten. Manchmal hatten wir Glück. Mir kam es als Kind immer so vor, als kenne meine Großmutter jeden einzelnen dieser Vögel persönlich, und wer weiß, vielleicht war es ja so.

Die Zierlichkeit der heranflatternden Meisen wurde von meiner Großmutter gerne mittels des Diminutivs unterstrichen: sie sprach von  den „Meiserln“, manchmal auch von den „Meislein“, letzteres spannte für mich dann einer Brücke direkt zu meiner Vorstellung von Gott, den ich mir als Kind in Verbindung mit diesem Wort immer als einen lieben, einen liebenden Gott vorstellte, jenen Gott aus dem Kinderlied „Weißt du wieviel Sternlein stehen“, in dem ja auch alle angesprochenen Wesen und Phänomene zärtlich mit Diminutiven benannt sind und Gott persönlich bekannt.

Bei Rosa Luxemburg heißt es in einem Brief vom 2. Mai 1917 an ihre Freundin Sonja Liebknecht aus der Haft in der Festung Wronke:

„Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in Menschengestalt. Innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‚Genossen‘.“

Diese freundliche Stimme einer das Lebendige liebenden Revolutionärin fällt mir also womöglich auch aufgrund dieser kindlichen Prägung ein, wenn ich den Namen Rosa Luxemburg höre. Sie brachte mir die Revolutionärin näher. Wenn Sukowa in von Trottas Film oder Piper in seiner Biografie oder auch Elke Schmitter in ihrem lesenswerten und aktualisierenden, essayistischen Gedenkartikel „Auch eine Kassandra“ im SPIEGEL vom 5. Januar 2019 daran erinnern, dass Luxemburg aufgrund einer Knochentuberkulosediagnose zum Liegen in Gips gezwungen mit einer Gehbehinderung, fällt mir auch Frida Kahlo ein, wie Luxemburg eine zeitweise zum Stillhalten verdammte, nachher umso leidenschaftlichere Frau, die sich enthusiastisch ihrer Arbeit gewidmet und sich, glaubt man biographischen Berichten, ebenso offen, aufmerksam und froh den Menschen um sich herum gewidmet hat, wie Rosa Luxemburg.

Das Gedenken an die Ermordung Rosa Luxemburgs heute vor hundert Jahren, ruft mir gleich also mehrere enthusiastische und empathische Frauen ins Gedächtnis, die sich eine bessere Welt wünschten und mit ihren je eigenen Mitteln danach trachteten.

P.S.: Elke Schmitters Artikel im „SPIEGEL“ endet mit Paul Celans Gedicht „Eis, Eden“ über den Mord an Rosa Luxemburg. Wenn ich das Gedicht lese, wird mir auch bewusst, dass man sich in der Kunst der Geschichte, ihren Helden und Opfern eben würdiger oder unwürdiger nähern kann. Und ich verlasse mich getrost auf das Urteil derer, die mir dieser sagen, dass man sich manche Lektüren mit historischen Reminiszenzen wohl besser spart, um mehr Lesezeit übrig zu haben für das, was zu lesen sich mehr lohnt.

Lese(n) 2018

Nichts zu lachen?

Es gibt ja gemeinhin eher wenig zu lachen. Aber ich lache gerne, und so nenne ich hier zunächst die Bücher, bei deren Lektüre ich in diesem Jahr derart lachen konnte, dass es nicht auf Kosten Dritter geschehen ist, sich das Lachen auf halber Strecke in Horror, Irritation, Trauer oder Hilflosigkeit verwandelt. Aber immerhin, Lachen war erkenntnisfördernd möglich: so etwa über die selbstironischen Einlassungen des nach Kanada eingewanderten Haitianers Dany Laferriere, der sich in „Tagebuch eines Schriftstellers im Pyjama“ (Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn, 2017) bitterböse und kolonialismuskritisch an Klischees über (die Potenz) farbige(r) Männer abarbeitet. Oder über einige von Paul-Henri Campbells Gedichten in „nach den narkosen“ (Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn, 2017), über die empathischen und lebensnahen Texte von Martina Hefter in „Es könnte auch schön werden“ (Berlin: KOOKbooks 2018), über bizarre Bonmots und Details, in überraschendem Vokabelkleider einherschreitend, wie es Heimito von Doderer in der“Strudlhofstiege“ (München: C. H. Beck 2016) meisterhaft vollführt:
„Man sieht, wie jedermann seine Beiträge lieferte zur Komplizierung quer liegender Sachen, nun, eigentlich schon kreuz und quer liegender Sachen.“

Auf ganz äußerliche Weise lässt sich dem Kontingenzempfinden mit einem Buch in der Hand begegnen: Jemand hat etwas geschrieben, ein Verlag hat das Manuskript angenommen, lektoriert, den Text gesetzt, die Ausstattung komplettiert usw. usw. Beruhigender Gedanke, maßgeblich unterstrichen durch die Materialität des Buchs, schon allein deswegen werde ich mich nie ganz ans Digitale gewöhnen: Du hast ein Buch in der Hand? Dann hast du schon etwas in der Hand.

Eine Erinnerung aus dem Sommer 2018: Das Schlimmste an dem Umstand, dass eine verwirrte Seele im August mir auf dem Weg in meinen ersten großen Urlaub seit Jahren das Auto aufgebrochen hat (wohlgemerkt in einem Taunusvorort und nicht irgendwo im Ausland, wie es viele, denen ich die Geschichte zu erzählen begonnen habe, gleich mutmaßten), war weder die zerbrochene Scheibe, noch waren es die Scherereien auf der Suche nach einer Werkstatt, die das Auto Samstagmorgens zur Reparatur annimmt und es auch behält. Das Schlimmste war, dass diese verwirrte Seele ausgerechnet die Büchertasche mit meiner Urlaubslektüre aus dem Auto entwendet hatte, so dass ich in der Hängematte in Ligurien nicht die Bücher lesen konnte, die ich doch so dringend hatte lesen wollen. Das war das separat eingepackte Lesegerät mit den Digitalisaten ausnahmsweise ein Segen, ebenso wie der Bücherschrank im Feriendomizil, der breit gefächert ausgestattet war.
(Die Tasche ist übrigens wieder aufgetaucht, die Seele war tatsächlich so verwirrt, dass sie den Reichtum nicht bemerkt  und die Tasche mitsamt allen Büchern darin in einen Busch geschleudert hat.)

Und hier kommen nun einige Leselisten des Jahres. Ich wollte schon lange mal wieder eine Leseliste aufstellen, alle möglichen Leute machen das ja ständig, sie machen auch Plattenlisten und Ausstellungslisten und manche werden sogar nach dafür bezahlt. (Meine letzte offizielle Leseliste stammt von 2008, mit ihr habe ich in Graz das Amt der Lesestipendiatin gewonnen, ich bin also auch dafür bezahlt worden, heuer, um es mal auf steirisch zu sagen, war ich dort mal wieder zu Besuch.)

Jetzt sind es mehrere geworden. Und ich geb‘ sie gratis her, es sei denn, jemand möchte was spenden. (Kein Anwalt gibt auch nur einen rechtlichen Tipp für umsonst her, als Leserin und Kritikerin werde ich dagegen ständig gefragt, ob ich nicht einen Tipp hätte für die französische Halbschwester, den operierten Onkel, usw. )

Die Listen sind im Großen und Ganzen nach Adjektiven sortiert, obwohl ich an sich gegen den inflationären Gebrauch von Adjektiven bin, obwohl auf alle Bücher mehrere passen, und obwohl Adjektive schnell verrutschen. Man kann die hier gelisteten Bücher, von den ärgerlichen abgesehen, auch einfach als Leseempfehlungen begreifen.

Prosa / Fiction

  • Mehrmals:„Die Universität“ von Andreas Maier. Roman (Berlin: Suhrkamp 2018)
  • Tränenreich: „Es könnte auch schön werden“ von Martina Hefter. Gedichte und Sprechtexte (Berlin: KOOKbooks 2018)
  • Informativ: „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri. Roman (Berlin: Wagenbach 2018)
  • Poetisch: „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ von Peter Kurzeck. Romanfragment (Frankfurt am Main: angekündigt bei Stroemfeld 2018 / erscheint bei Schöffling 2019)
  • Inspirierend: „Erinnerungen eines Mädchens“ von Annie Ernaux. Prosa (Berlin: Suhrkamp 2018)
  • Traurig: „Geisterbahn“ von Ursula Krechel. Roman (Salzburg: Jung und Jung 2018)
  • Überraschend: „Orchis“ von Verena Stauffer. Roman (Wien: Kremayr &Scheriau 2018)
  • Hochintelligent: „Buch der Zahlen“ von Joshua Cohen. Roman (Frankfurt am Main: Schöffling 2018)
  • Ärgerlich: „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann. Roman (München: Hanser 2018)

Lyrik

  • Immer wieder: „Gedanken unter den Wolken“ von Philippe Jaccottet (Göttingen: Wallstein 2018)
  • Tränenreich:„Es könnte auch schön werden“ von Martina Hefter. Gedichte und Sprechtexte (Berlin: KOOK 2018)
  • Lehrreich: „Dodos auf der Flucht. Requiem für ein verlorenes Bestiarium“ von Mikail Vogel (Berlin: Verlagshaus Berlin, 2018)
  • Poetisch (bei Lyrik eine behämmerte Charakterisierung, aber ich lasse sie trotzdem stehen): „Wer A sagt“ von Sandra Burkhardt (Frankfurt am Main: Gutleut 2018)
  • Inspirierend:„Falsches Rot“ von Dieter M. Gräf (Berlin: Brueterich Press 2018)
  • Traurig: „geschriebes. selbst mit stein“ von Rainer René Mueller (Heidelberg aouey 2018)
  • Überraschend: „3 Falter“ von Sibylla Vricic Hausmann (Leipzig: Poetenladen 2018)
  • Hochintelligent: „Engel der Illusion“ von Christian Uetz. (Zürich: Secession 2018)
  • Ärgerlich (der Aufmachung halber, die den reichen Inhalt in Sack und Asche kleidet): „Aus Mangel an Beweisen“. Anthologie. Hg. von Michael Braun und Hans Thill (Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2018)

Sachbuch / non fiction

  • Mehrmals: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz (Berlin: Suhrkamp 2018)
  • Tränenreich: „Randgebiete der Arbeit“ über Tomas Tranströmer (München: Hanser 2018)
  • Lehrreich: „Die immer neue Altstadt. Bauen Zwischen Dom und Römer seit 1900.“ Ausstellungskatalog. Hg. von Philipp Sturm und Peter Cachola Schmal. (Berlin: Jovis 2018)
  • Poetisch: „Enzyklopädie des Zarten“ von Anne Brannys (Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt 2017)
  • Inspirierend: „Vertigo“ von Heike Gallmeier. (Berlin: Fantome 2018)
  • Traurig: „Warum Liebe endet“ von Eva Illouz (Berlin: Suhrkamp 2018)
  • Überraschend: „Die Illusion der Gewissheit“ von Siri Hustvedt (Hamburg: Rowohlt 2018)
  • Streitbar: „Poetisch denken“ von Christian Metz (Frankfurt am Main: S. Fischer 2018)
  • Ärgerlich: „Anti-Genderismus“ Hg. von Sabine Hark und Paula-Irene Villa (Bielefeld: Transcript 2015)

Zehn neu und / oder wiedergelesene Lieblingsbücher

  • „Die Strudlhofstiege“ von Heimito von Doderer. Roman (München: C. H. Beck 2016. Sonderausgabe)
  • „nach den narkosen“ von Paul-Henri Campbell. Gedichte (Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2017)
  • „Licht“ von Christoph Meckel. Roman (Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1991)
  • „Die Jahre“ von Annie Ernaux. Prosa (Berlin: Suhrkamp Verlag 2017)
  • „Fremde Felle“ von Sylvia Geist. Gedichte (Berlin: Hanser 2018)
  • „Die Universität“ von Andreas Maier. Roman (Berlin: Suhrkamp Verlag 2018)
  • „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi. In der Übersetzung von Rosemarie Tietze. Roman (München:Hanser 2009)
  • „Cherubinischer Wandersmann“ von Angelus Silesius. Kritische Ausgabe. (Stuttgart: Reclam 2000)
  • „Hinter Büschen an eine Hauswand gelehnt“ von Zora del Buono. Roman (München: C.H. Beck 2017)

(PS: Begründungen werden separat berechnet!)

„Das Universum in uns.“ Zum Tod von Paulus Böhmer (8. Dezember 2018, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Die Nachricht von Paulus Böhmers Tod kommt so überraschend, wie jede Todesnachricht eines Menschen, den man zuerst als Urheber eines Werks kennen gelernt hat. Es ist dann immer ein merkwürdiger Moment, wenn man die Person hinter dem Werk quasi noch einmal wie zum ersten Mal „sieht“, eben als sterblich.

Als ich 2007 Hospitantin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, lernte ich zuerst seine Gedichtbände „Kaddish I bis X“ und „Fuchsleuchten“ kennen und war überrascht von dem Ton dieser Gedichte. So etwas kannte ich aus der deutschsprachigen Lyrik des 21. Jahrhunderts nicht, so etwas kenne ich bis heute nur aus seinen Werken.
Ich war regelrecht schockiert von der Drastik der Bilder, dem tosenden Wechsel zwischen dem großen Ganzen und dem winzig Kleinen. Habe ich damals schon den Abgesang auf seinen Kater Schmulik gelesen, der dem sprechenden Ich in diesem Gedicht unter den Händen wegstirbt? Ich weiß es nicht. Bis heute bin ich berückt davon, immer wieder auch affiziert von dem Vulgären, Pathetischen, dem Orgiatischen dieses Werks. Die F.A.Z. vom 8. Dezember druckt meinen kurzen Nachruf.

Den Menschen Paulus Böhmer habe ich dann bei einer Lesung in Frankfurt zum ersten Mal erlebt. Sein mächtiger Kopf, sein großer Körper, das alles passte gut zu dem, was ich gelesen hatte. Mit ihm gesprochen habe ich ich tatsächlich nie. Abstand zu halten, das kam mir richtig vor.

Ich bereue  sehr, dass ich nicht zur seiner letzten Lesung in der Frankfurter Romanfabrik gegangen bin, obwohl ich es vorgehabt hatte. Und ich bin froh, ihn 2015 bei den Frankfurter Lyriktagen noch einmal gehört zu haben.

Auch in  Erinnerung an diese Lesung 2015 habe ich 2016 in einer kleinen Serie mit Überblicksartikeln zur deutschprachigen Gegenwartslyrik über die „Kaddish-Gedichte“ geschrieben:

„Böhmers Bände mit ihren auf Mittelachse gesetzten Langgedichten arbeiten an einem sprachlichen Panoptikum des 20. Jahrhunderts . Sie sind gleichermaßen dem Höchsten und dem Niedrigsten verpflichtet, schwanken zwischen Gott und Gosse, zwischen Hohem Ton und Umgangssprache. Siezitieren aus dem klassischen Kanon und aus der Popmusik, ergehen sich in regelrechten Sprachorgien. Wer in die Welt dieses lyrischen Sprechens eintaucht, hat die Möglichkeit, sich zu verlieren im ekstatischen Rhythmus eines Sprachuniversums, das im Titel der Bände, der den jüdischen Ritus des Totengedenkens zitiert, auch in gewisser Weise Stellung bezieht zu der Frage der Möglichkeit lyrischen Sprechens nach Auschwitz.  […] Wer etwas darüber erfahren will, wie Dichtung im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert noch einmal versucht, die zersplitterte und kontingente Welt in einen im Grunde einzigen, fortlaufenden und durchaus auch eingängigen Text zu bringen, sollte die Gedichte von Paulus Böhmer lesen oder den fast 80-Jährigen lesen hören. Die Stimme des Sprechers wird zum Gefäß, durch das alles Physische und Metaphysische zu fließen und strömen scheint.“